Open Data in Kommunen

Dominic Plein, 30.11.2021
im Titelbild verwendet: Photo von Alina Grubnyak auf Unsplash

Der mehr als 170 Seiten lange Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung steht und ist seit einigen Tagen online einsehbar [1]. Unter der Überschrift „Nutzung von Daten und Datenrecht“ ist auf Seite 17 folgende Aussage anzutreffen:

Wir führen einen Rechtsanspruch auf Open Data ein und verbessern die Datenexpertise öffentlicher Stellen. [1]

Dies wäre ein sehr begrüßenswerter Schritt, auch wenn oder gerade weil wir noch meilenweit von der flächendeckenden Digitalisierung von Ämtern und Verwaltungen entfernt sind. Daten sind überall anzutreffen und werden tagtäglich von uns generiert. Werden sie als offene, frei verwendbare Daten der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt, können darauf aufbauend Anwendungen entwickelt werden, die neue Einblicke in die Verwaltung und die im Stadtgebiet angefallenen Informationen ermöglichen. Das Netzwerk Code for Germany macht sich dafür bereits seit 2014 stark. Es vereint ehrenamtliche Entwickler*innen, die bereits 256 Projekte auf Grundlage von Open Data realisiert haben: darunter beispielsweise eine App, mit der Daten zur Trinkwasseranalyse eingesehen und miteinander verglichen werden können. Arbeitest du in der IT-Branche? Dann bring doch deine Expertise mit ein und stelle sie lokal deiner Kommune zur Verfügung.

Dieser Blog-Beitrag klärt die Frage, was Open Data ist und warum uns offen verfügbare Daten von Verwaltungen nützen können. Außerdem werden einige praktische Beispiele von kommunalen (und nationalen) Projekten auf Basis von Open Data angeführt.

Was ist Open Data?

Tagtäglich fallen in unseren Kommunen Daten an: von den Haushaltzahlen, über Verkehrsdaten (Auslastung der Parkhäuser, Schadstoffwerte, Daten zum öffentlichen Nahverkehr), bis hin zum Baumkataster, Bebauungsplänen, Grundwasserdaten oder generell Kommunalstatistiken (z. B. Einwohnerzahlen). In Ratsinformationssystemen werden außerdem Dokumente zu parlamentarischen Gremien, Sitzungsterminen und deren Protokolle abgelegt [2, 3].

Häufig sind diese Daten jedoch nicht öffentlich einsehbar oder liegen nicht in einer strukturierten, maschinennahen Form vor. Und das, obwohl Erhebungen von Informationen durch Steuern finanziert werden. Dadurch wird enormes Potential für automatisierte Anwendungen vergeben, die diese Daten für die Allgemeinheit auswertbar machen können (beispielsweise in Form von Visualisierungen). Mit Open Data („Offene Daten“) werden Daten bezeichnet, die alle Menschen frei nutzen, verwenden und verbreiten können. „Dabei geht es in der Regel um Datensätze, die keine persönlichen Informationen enthalten. Vereinfacht gesagt geht es eher um Statistiken oder Messdaten als um Individualdaten. Sollten Datensätze persönliche Informationen enthalten, ist das kein Hindernis, sofern diese ausreichend anonymisiert werden.“ [4]

Vorteile von Open Data

Open Data und damit verbundene Anwendungen haben zahlreiche Vorteile. Zum einen kann eine Verwaltung, die offene Daten bereitstellt, Transparenz für ihre Bürgerinnen und Bürger schaffen. Einwohner können sich einfacher über das politische Geschehen in ihrer Stadt informieren, z. B. weil es ein Portal gibt, in dem übersichtlich die letzten Ratsbeschlüsse aufgelistet sind. Statistiken, auf deren Grundlage politische Entscheidungen getroffen werden, werden öffentlich zugänglich gemacht. Eigene Ansichten auf die Daten können generiert werden und neue Erkenntnisse gewonnen werden. Die Bereitstellung von Open Data kann damit das Vertrauen in die eigene Kommune und deren Handlungen fördern und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger fördern [5, Abb. 2].

In einer digitalen Verwaltung stellen Daten eine wichtige Grundlage für eine nutzerzentrierte, offene und vernetzte Verwaltung dar, in der Daten die Nachvollziehbarkeit politischer Prozesse erhöhen und Entscheidungen auf einer breiten Datenbasis getroffen werden. [5]

Darüber hinaus können durch die Bereitstellung von Open Data auch die internen Prozesse einer Kommune verbessert werden. Häufig sind Informationen in einzelnen Datensilos über mehrere Fachabteilungen verteilt. Sollen Daten dann veröffentlicht werden, müssen Prozesse teils neu durchdacht werden, was zu Verbesserungen führt. Gleichzeitig sorgt die gute Verfügbarkeit der Daten dazu, dass diese auch intern schneller gefunden werden können, egal ob „Beschlüsse in Ratsinformationssystemen, Haushaltsausgaben, Vergleiche mit anderen Fachabteilungen oder Vergabeverfahren“ [4]. Dadurch kann die Kommune insgesamt effizienter arbeiten, nicht zuletzt deshalb, weil beispielsweise verpflichtende Auswertungen für die Haushaltsführung automatisiert generiert werden können. Zahlen in Excel zusammenklicken: adé. Interaktive und automatisiert generierte Grafiken: hereinspaziert. Nicht umsonst setzen Unternehmen auf Datenwarehäuser, bei denen Daten von vielen verschiedenen Quellen gesammelt und schnell (aber auch umfangreich) auswertbar gemacht werden [8].

TL;DR: Es wird Transparenz geschaffen, indem die Allgemeinheit Zugriff auf die Kommunaldaten erhält. Die Verwaltung kann sich intern besser vernetzen und ist nutzerorientierter ausgerichtet. Neue Einsichten in die Daten werden computergestützt möglich und mithilfe von Automatisierung kann effizienter gearbeitet werden.

Beispiele für Open Data

Welche Daten sollen überhaupt bereitgestellt werden? Diese Frage solle gemäß einer Kommunalbefragung der Bertelsmann Stiftung eine wichtige Rolle beigemessen werden, wenn Kommunen Datenangebote aufbauen [5, S. 11 f.]. Im Vordergrund stehen dabei die Bedürfnisse von möglichen Datennutzer*innen. Welche Daten Kommunen bisher als Open Data anbieten ist im sog. Musterdatenkatalog [6] einsehbar. Hier nur einige wenige Beispieldatensätze (reine Daten, ohne Visualisierungen).

  • Ladestationen (Aachen)
    „Übersicht über die Standorte der Ladesäulen im Stadtgebiet Aachen.“
  • Beleuchtete Strecken im Radverkehrsnetz (Wuppertal)
    „Der Datensatz umfasst die beleuchteten Abschnitte des Wuppertaler Radverkehrsnetzes […].“
  • Standorte der Papierkörbe (Münster)
    „In diesem Datensatz enthalten sind die Standorte der öffentlichen Papierkörbe im Stadtgebiet Münster.“
  • Baumbestand (Berlin)
    „Darstellung der Straßenbäume und eines Teils der Bäume in Grünanlagen.“
  • Trinkwasseranalyse (Bonn)
    „Wasseranalyse der Stadtwerke Bonn zu Beschaffenheit des abgegebenen Trinkwassers im Stadtgebiet Bonn.“
  • Verkehrsunfälle (Leipzig)
    „Daten zu Personenschäden und Ursachen bei Straßenverkehrsunfällen.“

Welche Anwendungen auf Grundlager dieser Datensätze entstehen können zeigt eindrucksvoll das bereits erwähnte Netzwerk Code for Germany (Teil der Open Knowledge Foundation), bei dem ehrenamtliche Entwickler die Digitalisierung in Politik und Verwaltung vorantreiben. [7] Im Folgenden sind einige der 256 entstandenen Anwendungen aufgelistet:

Ernte teilen

„Ernte-teilen.org bietet eine Plattform, die Landwirte und Verbraucherinnen, die sich an Solidarischer Landwirtschaft beteiligen möchten, zusammenfinden lässt.“

Was steckt in meinem Leitungswasser?

„Trinkwasser gilt als das am besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland. Und trotzdem wissen wir sehr wenig über das Wasser, das bei uns aus dem Hahn kommt.“

Bahn-Guru

„Preiskalender für den Bahn-Fernverkehr: Zeigt die täglich günstigste Zugverbindung auf der gewählten Strecke für die kommenden Wochen.“

Traffic Dynamics

Visualisierung und Analyse automatischer Verkehrszählungen im gesamten Münsteraner Stadtgebiet.“ (Beim Laden der Seite gedulden).

Weitere Anwendungen (nicht von Code For Germany, aber ebenso von der Open Knowledge Foundation):

OS Viewer

Mithilfe des OS Viewers können Finanzdaten von 86 Ländern durchsucht und schnell visualisiert werden.

Offener Haushalt

Diese Anwendung ermöglicht es, Haushaltsdaten verständlich in Diagrammen zu visualisieren. „Dadurch können Bürger die Finanzen ihrer Gemeinde einsehen und leichter verstehen.“

Wichtige Prinzipien / Anforderungen

Die Bereitstellung von Open Data ist ein komplexer Prozess, der gut durchdacht und geplant werden muss. Neben der Identifizierung von möglichen interessanten Daten müssen rechtliche Frage geklärt werden, Expertise zum Aufbau der technischen Lösungen eingeholt werden und ganze internen Verwaltungsprozesse neu durchdacht werden. Die Daten müssen standardisiert werden oder sollten zumindest bekannten Standards folgen. Denn Daten sind nicht gleich Daten. Jeder, der schon einmal eine schlecht dokumentierte Datenquelle in eine Anwendung einbinden wollte, kann davon ein Lied singen.

Open Data sollten in einem Datenportal dauerhaft verfügbar und einfach zugänglich sein, d.h. in elektronischer Form, ohne vorher eine Anfrage zu stellen (für die man evtl. sogar persönlich vor Ort erscheinen muss) oder sich vorher in ein System einloggen zu müssen (leider momentan noch in Speyer der Fall). Die Daten selbst sollten gut dokumentiert sein, ansonsten nützen Angaben nichts, wenn deren Bedeutung unklar ist. Die Daten 49.31607481019134, 8.444088264903609 sind ohne den Zusatz (Metadaten), dass es sich dabei um die Koordinaten eines Baumstandorts handelt, völlig unnütz. Solche Metadaten müssen dokumentiert werden und bestenfalls einheitlich in ganz Deutschland verwendet werden. Weitere Maximalforderungen an offene Daten können hier übersichtlich abgerufen werden.

Gewiss stellt dies Herausforderungen für die Mitarbeitenden der Städte. Dennoch sind bereits Kommunen mit gutem Beispiel vorangegangen und haben gezeigt, dass es möglich ist, aktuelle Daten der Allgemeinheit frei zugänglich zu machen. Außerdem stellt die Bertelsmann Stiftung einen umfangreichen Leitfaden für offene Daten zur Verfügung, der Kommunen als Hilfe dienen soll [9]. Das Bereitstellen von offenen Daten ist ein andauernder, komplexer Prozess, der jedoch lohnend ist und dessen Früchte bestenfalls in Form einer moderneren, nutzerorientierteren und effizienteren Verwaltung geerntet werden können.

Was kann ich tun?

Erst 90 der 10.795 Kommunen betreiben offene Datenportale [5, Seite 5, Referenz: Open Data Atlas 2020]. Und auch mit Datenportal ist noch lange nicht gewährleistet, dass die zur Verfügung gestellten Daten wirklich den oben genannten Anforderungen entsprechen. Hier gibt es großes Verbesserungspotential. Viele Kommunen sind wahrscheinlich auch mit ihren Kompetenzen überfordert. Warum deshalb nicht einfach ehrenamtlich die eigene Expertise anbieten, wenn man in der IT-Branche arbeitet und etwas für seine Kommune beitragen möchte? Falls man in der glücklichen Situation ist, dass bereits Daten bereitgestellt werden, kann man bei Code for Germany Städteentwickler*in werden und beispielsweise gemeinsam Visualisierungstools (wie eins der vorgestellten) auf Grundlage der verfügbaren Daten bauen. Nur die eigene Kreativität (und die Qualität der Daten) setzt dann noch Grenzen.

Abschließend soll die E-Government-Gesetz (EGovG) aufgeführt werden. Paragraph §12a hat es zum Ziel, die „elektronische Verwaltung“ zu fördern:

Die Behörden des Bundes mit Ausnahme der Selbstverwaltungskörperschaften stellen unbearbeitete maschinenlesbare Daten, die sie zur Erfüllung ihrer öffentlich-rechtlichen Aufgaben erhoben haben oder durch Dritte in ihrem Auftrag haben erheben lassen, zum Datenabruf über öffentlich zugängliche Netze bereit. Ein Anspruch auf Bereitstellung dieser Daten wird hierdurch nicht begründet. [10]

Ein gesetzlicher Anspruch auf die Bereitstellung dieser Daten besteht demzufolge nichts, aber zumindest der Anreiz. Wie eingangs erwähnt, soll dieser Rechtsanspruch nun jedoch mit dem neuen Koalitionsvertrag eingeführt werden [1, S. 17]. Statt direkt vor Gericht zu ziehen (und niedrige Erfolgschancen zu haben), kann man sich viel eher kooperativ an die Stadtverwaltung wenden und sich nach bisherigen offenen Daten erkundigen. Falls diese (noch) nicht vorhanden sind, ist sicherlich der Leitfaden für offene Daten für Kommunen hilfreich. Für Speyer werde ich zeitnah mit der Stadt in Kontakt treten und mich nach Open Data erkundigen. Das könnte dann Inhalt eines weiteren Blog-Beitrags zu diesem Thema werden.

Bleibt gesund und macht mit, statt zu meckern,
Dominic


Referenzen

Fettgedruckte Links sind besonders lesenswert.

[1] Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP: „Mehr Fortschritt wagen“, 24.11.2021.
Abgerufen am 25.11.2021.

[2] Bürgerservice und Verwaltung der Stadt Leipzig. Elektronisches Ratsinformationssystem, Datum unbekannt.
Abgerufen am 28.11.2021.

[3] Stadt Bochum. Ratsinformationssystem und RatsTV, Datum unbekannt.
Abgerufen am 28.11.2021.

[4] Open Knowledge Foundation Deutschland, Bertelsmann Stiftung. Open Data in Kommunen (Broschüre), 16.03.2020.
Aufgerufen am 28.11.2021.

[5] Dr. Tobias Bürger und Annegret Hoch. Bertelsmann Stiftung 2020. Open Data in Kommunen – Eine Kommunalbefragung zu Chancen und Herausforderungen der Bereitstellung offener Daten. Ausgabe 4, 2020.
Abgerufen am 27.11.2021.

[6] Bertelsmann Stiftung. Musterdatenkatalog, wird stetig aktualisiert.
Abgerufen am 27.11.2021.

[7] Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. Code for Germany.
Abgerufen am 29.11.2021.

[8] IBM Cloud Learn Hub. Data Warehouse, Datum unbekannt.
Abgerufen am 29.11.2021.

[9] Bertelsmann Stiftung. Ein Leitfaden für offene Daten (1. Auflage), 17.03.2020.
Abgerufen am 28.11.2021.

[10] Bundesamt für Justiz und für Verbraucherschutz. Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung (E-Government-Gesetz – EGovG) – § 12a Offene Daten des Bundes, Verordnungsermächtigung. Datum unbekannt.
Abgerufen am 30.11.2021.

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