Resilienz – Unsere mentale Stärke

Resilienz ist ein wundervoll clever klingendes Wort. Doch es beschreibt nicht mehr als die Fähigkeit, mit schlechten Situationen, kleinen oder großen Schicksalsschlägen umzugehen. Sie ist das, was den Unterschied macht, ob wir am Boden liegen bleiben oder uns wieder aufraffen und einen weiteren Versuch starten. Man könnte auch sagen, sie stellt unsere Widerstandskraft gegen psychische Belastung dar. Und diese unglaubliche Fähigkeit tragen wir alle in uns.

Meist sind wir uns dessen gar nicht so sehr bewusst, wenn wir unserem gleich bleibenden Alltag und Gewohnheiten nachgehen. Unabhängig von Corona ist die kalte und dunklere Jahreszeit eine, in der wir häufiger von Niedergeschlagenheit oder schlechter Laune heimgesucht werden. Viele Faktoren spielen hierbei eine Rolle und beeinflussen unsere Resilienz. Positiv wie negativ. Über die Positiven können wir die Führung in einem tristen Alltag oder einer niederschlagenden Situation übernehmen. Lasse dich auf die folgenden Fragen mal ein und beantworte sie für dich nach besten Wissen und Gewissen. Lass dir gerne Zeit dabei und überstürze nicht die Antworten.

Um die hier beschriebenen Techniken für dich greifbarer zu machen, werde ich sie anhand eines Beispiels näher beschreiben. Folge Mira doch gerne auf ihrem Weg aus einer Situation, die für sie anfangs sehr trüb aussah.

Gehe ein, zwei Schritte zurück, um auf deine Situation von außen zu blicken (mach gerne tatsächlich diese Schritte und versuche dir zu den Fragen lebhafte Bilder vorzustellen): Frage dich, wann ging es dir das letzte Mal nicht gut? Was war der Grund für deine letzte schlechte Laune?

Wenn Du das für dich festgestellt hast, dann können wir von hier aus verschiedene Richtungen einschlagen. Sie alle können uns an das Ziel, besser mit schwierigen Situationen umzugehen, führen.

Mira war vor wenigen Wochen mit ihrer Arbeit unzufrieden, weil sie mit der Homeoffice-Situation nicht so gut zurecht kam. Ihre 2-Zimmerwohnung, in der sie sich sonst so selbstverwirklicht fühlt, bot ihr zu wenig Abwechslung. Sie vermisste den direkten Kontakt mit ihren Arbeitskollegen und der Tapetenwechsel blieb auch aus. Das bisschen Sonne, die sie auf dem Arbeitsweg mit dem Fahrrad getankt hatte, fiel weg. Ihre Stimmung fiel ab und ihre Arbeit litt ebenfalls darunter. Als wäre das noch nicht genug, saß ihr ihre Chefin auch noch im Nacken, dafür dass sie mit der Arbeit hinterherhinkte.

Reframing – Den Rahmen neu setzen

Die erste Richtung hast Du mit den Schritten zurück bereits eingeschlagen. Ja, zurück kann uns auch nach vorne bringen! Hierbei spricht man vom „Reframing“, zu deutsch würde man sagen „den Rahmen neu setzen“. In unserem Fall ziehen wir den Rahmen größer und versuchen dabei ein größeres Bild in den Blick zu nehmen. Zusätzlich distanzierst Du dich damit emotional von dem vorliegenden Problem, was es dir leichter macht, klare Gedanken zu fassen. Den Rahmen kannst Du auf verschiedene Weisen größer ziehen:

Zeitraum – Geht es dir seit einigen Tagen so? -> Seit einigen Wochen -> Seit einigen Monaten -> …

Soziales Umfeld – Geht es nur mir so? Geht es jemandem in meinem direkten Umfeld auch so? Geht es jemandem in meinem größeren Umfeld auch so? -> …

Situation – Geht es mir nur in der beschriebenen Situation so? -> Wie geht es mir in anderen unabhängigen Situationen? -> Wie geht es mir, wenn ich Dinge mache, die mir Freude bringen? -> …

Erfahrungen – Erging es mir zuvor bereits mal so? -> Erging es mir bereits schlechter? -> Erging es jemandem bereits so wie mir? -> Wie bin ich bisher damit umgegangen?/Wie sind andere damit umgegangen? -> …

Mira stellte für sich fest, dass sie seit ca. einer Woche ihre reduzierte Stimmung wahrgenommen hat. Die Woche davor ging es ihr wie sonst auch (Zeitraum). Das gab ihr Hoffnung, dass auch diese Zeit ein Ende haben wird. Bei den abendlichen Spaziergängen, wenn sie das Abendrot über den Feldern beobachtete, verspürte sie die schlechte Laune allerdings nicht. Da war fühlte sie sich entspannt und hat den Arbeitsalltag fast vergessen können (Situation). Sie lenkte ihren Fokus auf positive Momente und Erfahrungen, die ihr Stimmungsbild wandelten. Ihre Freunde haben ihr auch berichtet, dass die Umstellung auf die Arbeit im Homeoffice sich als schwierig erwiesen hat und in deren Arbeitskreis sieht es nicht anders aus (Soziales Umfeld). Mira lernte, dass sie nicht alleine ist und dass es andere Personen gibt, die ähnliches durchleben bzw. durchlebt haben. Als Mira noch weiter zurückdachte und sich die Zeit vor Augen führte, als sie noch ihre alte Arbeitsstelle besetzt hatte, stellte sie für sich fest, dass sie sich damals kaum aus dem Bett hieven konnte. Die Arbeitskollegen und Kunden nagten stark an ihrer Psyche und an ihrem emotionalen Wohlbefinden. Bei der jetzigen Arbeitsstelle ist das schon wesentlich besser. Hier hat sie Kollegen bei denen sie sich wohl fühlt und an die sie sich wenden kann (Erfahrungen). Darauf konnte Mira für sich folgern, dass sie aus einer schwierigeren Situation es bereits geschafft hat. Also warum sollte sie es jetzt nicht wieder schaffen?

Was machen Du oder Mira an dieser Stelle? Ihr relativiert das Problem. Der Rahmen wird größer, das Problem kleiner. Das soll nicht heißen, dass Du dem Problem seine Relevanz nehmen oder anmaßende Vergleiche stellen sollst. Sondern es bedeutet, dass Du dem Problem die Macht über dich nimmst, dich zu beherrschen und die Richtung vor zu geben, in die Du fühlst, denkst und handelst. Du lässt es auf eine Größe schrumpfen, die eine Portion darstellt, die Du gut verdauen und verarbeiten kannst. Was dabei auch passieren kann ist, dass Du aus eigenen oder Erfahrungen anderer bereits Lösungsansätze für dich ziehen kannst. Und damit kommen wir auch zum nächsten Einflussfaktor den ich dir erklären möchte: deine Ressourcen!

Ressourcen – Das Licht das dich durch den Tunnel begleitet

Deine Ressourcen sind die Dinge die Du den Tag und die Woche über machst, die dich morgens aus dem Bett aufstehen lassen, die dir gute Laune bringen und dir mehr geben, als dass sie dir etwas nehmen. Letztendlich könnte man sagen, Ressourcen sind der Sprit für deinen Antrieb. Mit der Aktivierung deiner Ressourcen (Reaktivierung) oder der Entdeckung neuer Ressourcen (Neuaktivierung) kannst Du für dich problematische Zeiten überbrücken oder Dauerzustände lebenswert machen. Natürlich wünsche ich dir nicht, dass Du in einem zehrenden Dauerzustand bleibst, aber manchmal bietet sich nicht direkt die Möglichkeit diesen zu verlassen. Dennoch können deine Ressourcen auch hier als Überbrückung dienen, bis dass Du einen Wandel vornehmen kannst. Ich beschränke mich auf das Beispiel von Mira, um zu erläutern, was Ressourcen genau sein können. Da Du wie ich ein Individuum bist, sind auch unsere Ressourcen individuell und können alles mögliche sein.

Mira mochte ihre Wohnung eigentlich sehr, doch zu häufig darin zu sein, lies es langweilig erscheinen. Also musste ein Wechsel her! Sie hat es noch nicht weihnachtlich dekoriert, was sie dann in Angriff genommen hat. Den Tapetenwechsel mit Kerzen und Christbaumkugeln hat sie sich selbst verwirklicht. Jetzt fühlt sie sich hier wieder wohl und ist gerne in der Wohnung (Reaktivierung). Den fehlenden Kontakt zu ihren Mitarbeitern konnte sie leider noch nicht wieder herstellen, aber sie hat sich dazu entschlossen sich der Laufgruppe, die sie bei ihren Spaziergängen immer wieder sieht, anzuschließen. Dabei hat sie für sich neue Kontakte geknüpft und das Laufen, was sie sich schon lange vorgenommen hat regelmäßig zu machen, in die Tat umgesetzt (Neuaktivierung). Den Sonnenmangel bessert sie für sich damit auch ein wenig auf, da sie sich mit der Laufgruppe immer kurz vor der Abendröte trifft. Ganz wie im Sommer ist es natürlich trotzdem nicht, aber damit kann sie jetzt umgehen. Auch mit ihrer Arbeit und ihrer Chefin kommt sie inzwischen besser zurecht. Die neu und wieder gefundenen Ressourcen haben ihr geholfen, sich ihrer Situation anzupassen und mit Aspekten, die sie nicht direkt ändern konnte, gelassener umzugehen.

Mira wurde aktiv und suchte nach Lösungen zu ihren Problemen. Somit musste sie auch nicht lange in diesem Zustand ausharren. Sie gab schlechten Gewohnheiten nur eine geringe Chance, sich einzuschleichen und zu festigen. Damit hat sie sich auch eine Menge an zäher Arbeit gespart, denn je tiefer der Karren im Dreck festsitzt, umso mühsamer wird es ihn wieder raus zu ziehen. Den Rahmen setzte Mira sich neu und fand neue wie alte Dinge, die ihr Kraft geben, um den Alltag besser zu bestreiten. Auch wenn die neue Situation nicht perfekt ist, geht es ihr damit jetzt deutlich besser!

Warum sollte es dir nicht genauso gehen? Erkenne auch Du für dich, wenn es dir mal nicht gut geht. Reflektiere deine Situation. Setze den Rahmen neu, so dass das Problem eine bewältigende Größe annimmt und ziehe Kraft aus deinen Ressourcen. Ich wünsche dir in diesem Sinne eine schöne besinnliche Zeit zwischen den Jahren und dass du den Weg vor dir auch in schwereren Zeiten mit einem Lächeln voller Zuversicht beschreiten kannst!

Wenn dein Interesse zum Thema Resilienz geweckt und noch nicht gesättigt ist, empfehle ich dir hier mal vorbei zu schauen für weitere Kniffe, die Du direkt in deinem Alltag integrieren kannst.

Autor: Norman Tummeley